Von Larrau nach Oloron-Sainte-Marie

Nach dem vorzüglichen Abendessen gestern Abend hatte ich trotz eines sehr guten lokalen Weines nicht sehr tief geschlafen. Abend saß ich noch auf dem Balkon und habe dunkle Wolken aufziehen sehen. Heute früh sieht es ziemlich düster aus. Grauer Himmel und dichte Wolken in den Bergen. Es gibt ein gutes Frühstück aber auch das ist nicht inklusive, so daß es diesmal keine kleine Rechnung ist. Aber es war ein wirklich guter Aufenthalt.

Neben mir sind um 7:30 schon eine Gruppe von 5 Italienern da, die ganz offensichtlich die Besitzer der 4 Edelrennräder in der Garage sind. Da sie alle sehr ordentlich mit gutem Schuhwerk gewandet sind, vermute ich, dass der fünfte Mann der Fahrer für das Gepäck ist. Das erweist sich als richtig. sie fahren kurz vor mir los, auf dem Weg stehen sie und ich überhole. Auf dem Weg zum Col du Soudet überholen sich mich kurz bevor es steil wird.

Während es zunächst bei der steilen Abfahrt ganz leicht bei kühlen 17 Grad nieselte, ist die Straße Richtung nach Saint Engrace trocken und es zeigt sich der ein oder andere Sonnenstrahl. Bis zur romanischen Kapelle am Ortsende des lang gestreckten Ortes geht es mit moderaten Steigungen voran, so daß ich einigermaßen vorwärts komme. Dann wird es wieder übel.

Die durchschnittlichen 5,6% Steigung, die auf dem Schild angezeigt sind, beziehen sich eben auf die ganze Strecke. Auf über 10 km ergeben sich wieder Steigungen jenseits der 10%, was mein Fortkommen erheblich behindert. Für die ersten 10 km benötige ich 25 Minuten für die nächsten 55, für die nächsten knapp zwei Stunden und dann geht es im Rekord mit ca. 15 Minuten für 10 km wieder nach unten. In der Auffahrt gibt es große Splitfelder, die ich durch Wechsel der Fahrbahn zu umgehen suche.

Das geht heute ganz gut, denn bis auf einen einzigen Motorrad-Schwarm ist hier heute kaum Verkehr. Auf dem Pass gibt es ein paar Ausblicke, insbesondere der Blick über das Wolkenmeer ist schön. Sonst gibt es nichts, keine Gastronomie, wahrscheinlich ist das alles ein Stück oberhalb an der spanischen Grenze.

Die Kollegen, die in Komoot ihre Touren zur Verfügung gestellt hatten, sind auf diesem Abschnitt nach Spanien und dann wieder zurück, was 2.400 Höhenmeter und über 100 km gewesen wäre. Das habe ich mir gespart und bin den direkteren Weg zum Col du Soudet gefahren, den ich nach 30 km erreicht habe. Der kürzeste Weg wäre übrigens nur bergab und ca. 40 km lang gewesen.

Neben und auf der Straße weiden Schafe, Kühe und Pferde, was dazu führt, das reichlich Hinterlassenschaften auf der Straße sind. Das freut die Fliegen, die sich immer sehr erschrecken, wenn ich mich mit dem Rad nähere und dann einen großen Schwarm um mich bilden. Auf der Abfahrt sind dann viele kleine Geschosse, die auf Brille oder im Gesicht landen.

Ab jetzt geht es in langer steiler Abfahrt über breite sensationelle Straßen, fast verkehrsfrei von über 1500 Meter auf ca. 400 Meter runter. Auf den letzten 20 km geht es dann mit geringem Gefälle bis nach 70 km und 1309 Höhenmetern Oloron-Sainte-Marie erreicht ist.

Das ist ein recht schöner Ort durch den die Gave fließt. Mein Zimmer ist heute ein kleines Appartement in einem ziemlich scheußlichen Gebäude mit dem klangvollen Namen Entre terre et mer. Schlüssel liegt in einer Box und nur das Aufschließen bringt mich zu Anfang etwas zur Verzweiflung. Die Wohnung ist im dritten Stock, das Rad kommt im Aufzug mit. Nachdem ich eine Zeit durch den Ort geschlendert bin und sehe wie ganz dunkle Wolken von Westen kommen, erreiche ich das Appartement kurz bevor das Gewitter ausbricht.

Von Saint-Jean-Pied-de-Port nach Larrau

Mangels Vorhänge bin ich in meinem gemütlichen Zimmer bei Patricia schon früh aufgewacht und habe mir als erstes ein Café für das Frühstück gesucht. Das erste Café wird primär von Einheimischen frequentiert, so dass ich nun Originalbaskenmützen zu sehen bekomme. Das Frühstück selbst ist ein bisschen robust wie auch der Wirt aber für 10€ bekomme ich Schinken-Sandwich, 2 Café au lait, Croissant und Pain au chocolat. Das hält hoffentlich eine Zeit lang vor. Es geht leicht ansteigend in Saint-Jean los.

Der Startpunkt für viele Pilger ist auch mit Bahnhof zu erreichen und bedeutet: Heiliger Johannes am Fuße des Passes, den die Pilger gehen müssen um nach Spanien zu kommen. Schon bald erreiche ich Saint-Jean-le-Vieux auf einer Straße mit viel Verkehr, der aber deutlich nachlässt, nachdem ich auf die D18 zum Pass Col d’Iraty abbiege. Es geht noch eine Zeit lang leicht ansteigend in Richtung Berge, denen ich so immer näher komme.

In Frankreich ist ja Service für all Radler, dass man kontinuierlich informiert wird, wie weit es noch ist und wieviel Höhenmeter noch zu leisten sind. Leider sieht die Anzeige hier etwas harmloser aus, denn es gibt hier einen kleinen Zwischenpass auf 1100 Metern und über 2 km verliert man wieder an die 200 Meter. Für die eigentlich zu überwindenden Höhenmeter bleiben also weniger Kilometer, das bedeutet es ist wesentlich steiler als das Schild suggeriert. Und dann geht es auch gleich mitten rein in die Wand. 12, 13, 14, 15 Prozent Steigung werden bei mir angezeigt und mein Schnitt für die nächsten 10 Kilometer sinkt auf unter 6 km/h. Dann kommt ab 800 Metern auch noch Gegenwind.

Nach der kleinen Zwischenabfahrt auf der der Wind so bläst, dass ich viel bremsen muss, liegen die Schafe auf der Straße. Entlang des Weges wie auch oben am Pass, den ich endlich nach knapp 4 Stunden erreicht habe, grasen die Kühe. Für Menschen gibt es leider nichts, da sie hier oben alle Mittagspause machen. So fahre ich ohne was zu essen bis zu meinem Zielort Larrau.

Leider geht es nach langer, zunächst sehr ruppiger, Abfahrt von 1327 Metern auf etwa 400 Meter noch einmal 2 km auf 620 Meter hoch, natürlich genauso steil. So sind auf einer Distanz von nur 45 km 1507 Höhenmeter zusammen gekommen.

In der Erwartung mir etwas anschauen zu können laufe ich, nachdem sie mich dann doch vor 15h und nicht erst nach 16h auf mein Zimmer gelassen haben, durch den Ort und es gibt da schlicht nichts. Kein Café, keine Bar, keinen Laden nur das 3 Sterne Hotel in das es mich verschlagen hat. Erfreulicherweise mit Abendessen und Frühstück. Abendessen ist aber erst um 20h. Was mache ich in den 4 Stunden?

Da fällt mir ein Prospekt in die Hand: die Pont d‘Holzarten ist eine Hängebrücke über eine riesige Schlucht und nur knapp 5 km entfernt. Ich bin zwar schon geduscht und in zivil aber ich packe Fahrradschloss und die notwendigsten Utensilien ein und setze mich wieder auf mein Rad. 2,5 km geht es dann sehr steil den Berg runter bis zu einem Parkplatz an dem ich das Rad an einem Baum befestige und dann mit kleinem Rucksack den 2 km Spaziergang in meinen Merrel Barfussschuhen angehe. Die Schuhe begleiten mich auf allen hier geschilderten Radtouren zuverlässig und sind mit mir schon weite Wege gegangen. Die Herausforderungen auf diesen 2 km übertreffen aber das für sie bisher geleistete.

Anfänglich ist der Waldweg noch moderat, dann wandelt er sich aber zu einer extrem steilen und sehr schweißtreibenden Kletterpartie. Es sind zwar nur 200 Höhenmeter auf 2 km auf dem GR 10 (auf dem man zu Fuß die Pyrenäen überwinden kann), aber durch ein paar flache Passagen bleiben genügend Höhenmeter für extrem steile, steinige und verblockte Passagen. Nach einer Stunde habe ich mein Ziel erreicht. Grandiose Aussichten gibt es hier und auch den ganzen Weg entlang. Die Mutprobe über die schwankende Brücke mit Blick durch den Boden in die Schlucht hinunter meistere ich auch noch.

Nach zwei Stunden erreiche ich mein Fahrrad wieder und nehme in der Gite Etappe, an dem die GR 10 Wanderer ihre Sachen trocknen, ein großes Panaché (Radler) zu mir.

Die 2,5 km zurück zum Hotel sind nun bei 10-12% und gut 200 weiteren Höhenmetern in einer knappen schweißtreibenden halben Stunde bewältigt. Mal sehen, wie sich mein kurzes Hemd macht, nachdem ich es getrocknet habe. Auf diese Weise sind dann noch einmal 11 km dazu gekommen und mit 468 Höhenmeter addiert sich das für den Tag auf 1975 Höhenmeter.

Der Himmel war heute wieder den ganzen Tag blau mit kleinen Wölkchen, oft kletterte das Thermometer auf über 30 Grad.

Zur Belohnung gibt es im Hotel ein Dreigängemenü mit Wein, nachdem ich seit dem Frühstück das essen völlig vergessen hatte. Das Menü ist zumindest das bisherige kulinarische Highlight.