Von Argelès-Gazost nach Arreau

Nachdem ich heute sehr gut geschlafen habe und ein ganz hervorragendes Frühstück genossen habe und ich mit Blick auf dem Fenster sehe, dass es mit dem Hotelnamen geklappt hat und die Sonne scheint gibt es doch eine Enttäuschung. Als ich der Hoteldirektorin erzähle, das heute der Col de Tourmalet dran ist, meint sie, der wäre heute zu. Ich frage ob das auch für Fahrräder gilt. Sie wollte um 9h beim Tourismusbüro anrufen und um 9h bestätigt sich: für alle Fahrzeuge geschlossen, Arbeit mit großen Maschinen, zu gefährlich.

Man kann sich hier nie sicher sein ob das wirklich ernst ist aber auf 2100 Meter hoch radeln um dann im schlimmsten Fall wieder zurück geschickt zu werden, ist mir dann doch zu riskant. Ich suche einen Weg außen rum. Am einfachsten wäre Lourdes und dann rechts abbiegen, das ist eher flach oder ganz kleine weiße Sträßchen zum Col de Croix Blanche für was ich mich entscheide. Die Flüsse führen irrsinnig viel Wasser. An der Abzweigung vom flachen Radweg nach Lourdes sehe ich, dass ich nur noch 4 km entfernt bin, eigentlich hätte ich ja Zeit, aber entscheide mich dann doch dagegen, vor allem weil plötzlich nicht mehr blau sondern grau am Himmel dominiert. Eine weitere Sperrung auf dem Weg nach oben signalisiert, dass in 2km Schluss sei. Das Risiko gehe ich ein, zumal mir ein Rennradler entgegen kommt. Da stehen dann ein paar Laster und die Straße ist frei. Oben gibt es einen tollen Blick über die Pyrenäenausläufer.

Der Weg zum Col d‘Aspin zieht sich zunächst entlang der Aspe lang leicht steigend hin. Kurz vor Bayenne ein paar Nieseltropfen, dann auf einmal ein paar Regentropfen, ich erinnere mich an das Werbeschild von McDonalds, gebe Gas und erreiche das rettende Vordach von McDonalds gerade als der Wolkenbruch losgeht. Ich war schon lang nicht mehr bei McDonalds und bestellt wird an großen Touchscreens an denen man dann auch direkt mit Karte bezahlt. Man nimmt sich ein Nummernschild und schon bald wird einem das Essen gebracht. In meine Fall das Menü mit Burger, Salat und Cola.

Nachdem ich damit fertig bin, hat sich auch der Regen verzogen. So geht es immer weiter bis in St. Marie-de-Campan die Abzweigung zum Tourmalet kommt. Merkwürdigerweise steht hier „offen“ und es gibt keine Warnschilder. Ab hier wird es steiler obwohl der Col d‘Aspin kein sehr steiler Pass ist, so zwischen 4 und 10 Prozent. Aber ich komme auch wieder nur sehr gemächlich voran und werde von vielen Rennradlern überholt. Der Blick in die verschiedenen Richtungen oben ist gut aber es gibt immer wieder dunkle Wolken zu sehen. Auf der Auffahrt beim Ski- und Touristenzentrum Payolle beginnt es wieder zu nieseln. Schnell die Regenjacke an aber 150 Höhenmeter weiter ist schon wieder Schluss damit. Die Jacke wieder ausziehen und es hat schon gereicht, dass die Arme und Ärmel von innen nass sind. Das ist halt doch noch nicht die optimale Atmungsaktivität.

Von oben sind es dann noch 12 km steile Serpentinenabfahrt bis nach Arreau. Auf dem Weg begegnen mir ein paar Motorräder, viele Rennradler, die auch noch nach oben wollen und einer der mit vier Packtaschen und einer großen Quertasche hinten mit sehr kleiner Übersetzung zügig pedaliert. In Arreau komme ich eine Stunde zu früh an und wärme mich im Salon de Thé mit einer Quiche und Kaffee. Auch hier wieder tosende Gebirgsflüsse in einem schönen kleinen Ortszentrum. Da werde ich sicher nachher was gutes zu essen finden.

Ich bin in einem sehr preiswerten und sehr kleinen Privatzimmer untergebracht und muss mein Rad 2 Stockwerke tragen um es sicher vor der Tür zu platzieren.

Insgesamt war ich dann heute 72 km unterwegs und die 1516 Höhenmeter waren etwas angenehmer als die ursprünglich 2400 geplanten. Mir hat es trotzdem gereicht. Trotzdem sehr schade, dass ich dieses Highlight verpasst habe. Hier hat Jan 1997 das ok bekommen seine Funktion als Edelhelfer aufzugeben und voll zu fahren, was zum einzigen deutschen Tour de France Sieg geführt hat. Das waren allerdings 253 km, die er in 7 Stunden und 46 Minuten gefahren ist (33 km/h). Selbst mit den Einwänden: „kein Gepäck, gedopt, 40 Jahre jünger“ sind das schon unglaubliche Leistungen verglichen mit meinen 11 km/h.

Im Restaurant l’Arbizon werde ich fündig. Da ich heute sehr preisbewusst unterwegs bin: billiges Privatzimmer, billiges Menü mittags bei McDonalds (war gerade richtig für mich) kann ich mir abends was leisten. Aber die empfohlene Flasche Wein und das Drei-Gang-Menü plus Café ist heute auch für unter 40€ zu haben. Salat mit Lachs und Meeresfrüchten, Forellenfilet mit Reis und Gemüse und schließlich noch ein kleines Eis und dabei pro Gang noch eine tolle Auswahl versöhnen mich ganz langsam mit der französischen Küche.

Live Musik gab es dann auch mit französischen und internationalen Hits. Ich habe den Platz hinter der Scheibe gewählt. Da kann ich die beiden super sehen und es ist nicht so laut. Gute Idee: ein Whiteboard, auf dem alle Gäste ihre Wünsche aus einem Repertoire-Menü aufschreiben können.

Von Laruns nach Argelès-Gazost

Die Distanz 47 km mit 1363 Höhenmetern war heute nicht das Problem. Nachdem ich um halb acht in einer Boulangerie wieder einen Croque-Monsieur (freundlicher Weise ausgepackt und aufgewärmt) bekommen habe und in einer Bar noch einen Café au lait bekommen hatte, habe ich mich bis 10h im Apartment aufgehalten und mich dann für strömendem Regen in die Regengarnitur verpackt. Das Fahren ging ganz gut langsam zwar aber stetig. Unter positiv könnte man auch vermerken, dass ich die Sonnencreme gespart habe und vielleicht, dass fahren im Regen etwas meditatives hat. Man hört die Tropfen auf der Regenmütze, tosende Bergbäche rauschen links und rechts von einem hinunter, man überquert die Schlucht mit dem rauschenden Wasser zwischen dem Ort Eaux-Bonnes (bezeichnender Weise „gutes Wasser“) und dem auf über 1000 Meter liegenden Gourette mehrmals. In Eaux-Bonnes sah es einen winzigen Moment so aus, das sich die Sonne herauswagt, so dass ich auf dem Umweg über einen Feldweg, über den mich Komoot geführt hat, die Gelegenheit hatte von dem Aussichtspunkt einen Regenbogen einzufangen.

Das war aber dann das letzte Bild bis zum berühmten Pass „Col d‘Aubisque“ obwohl es auf dem Weg einige interessante Ausblicke hätte geben können. Dort habe ich mich dann überwunden die nassen Handschuhe und die ebenso nassen Überhandschuhe auszuziehen und mit eiskalten und nassen Fingern ein Foto vom Fahrrad und der Passhöhe mit den Tour de France Rädern im Nebel zu schießen. Dann habe ich mich nach drinnen verzögen. Sehr erfreulicher Weise gab es da oben eine schöne urige Hütte und in der war es ganz voll obwohl die Straße völlig leer war. Mangels Bildmaterial hier eine Innenaufnahme trotz Foto- und Videoverbot. Ein Rennradler ist kurz vor dem Gipfel an mir vorbei gezogen und ich habe es ihm nachgetan und einen leckeren „Gateau de Basque“ mit heißer Schokolade bestellt und später noch einen Milchkaffee um noch ein bisschen bleiben zu können. Durchnässtes Unterhemd und Trikot habe ich gewechselt.

Die Straßen hoch sind gut ausgebaut, teilweise überbreit, da Gourette ein Skiort mit Gondeln etc. ist. Da gäbe es auch was zum einkehren mit dem Charme eines verlassenen Skiortes. Da wollte ich aber noch nicht pausieren, da hatte ich noch 600 Höhenmeter vor mir, wenngleich mir der immer lauter werdende Donner und damit ein näher kommendes Gewitter gewisse Sorgen gemacht hat. Kurz vorm Gipfel sehe ich dann auch noch einen gewaltigen Blitz und bis zum Donner sind es noch 9 Sekunden, also ca. 3 km entfernt. Aber es verzog sich langsam.

Gestärkt und etwas getrocknet mache mich an die erste Abfahrt bis es zum Col de Soulor wieder hoch geht. Dort, nach knapp 200 weiteren Höhenmetern, verzichte auf das Pass-Foto und sehe mit Entsetzen, dass die Straße nach Argelès-Gazost gesperrt ist und eine weite Umleitung zu fahren ist. Das wollte ich nur äußerst ungern, denn die Hände waren schon wieder eiskalt. Ich rolle über die Sperrung und sehe einen Mann am Restaurant was werkeln und frage ihn ob ich da mit dem Fahrrad durchkomme. Er meinte das ginge schon, ein bisschen müsste ich das Rad tragen, die Straße sei abgesackt. Nach 3 km erreiche ich einen Zaun und mit einiger Wuchterei schaffe ich es das Rad dran vorbei zu tragen und schiebe es durch die Baustelle. Die Bauarbeiter, wie ich, im strömenden Regen schauen nur. Zwischen Bagger und Rand bleibt noch eine kleine Lücke, wo ich durch passe und auf der anderen Seite der Absperrung wieder das gleiche Spiel.

Dann geht es ohne weitere Zwischenfälle die ca. 20 km runter zu meinem Zielort Argelès-Gazost. Mit Google-Navigation, was bei strömendem Regen und kalten Fingern auch mühsam ist, habe ich das Hôtel du Soleil Levant schnell gefunden und komme zeitgleich mit einer Rennradlergruppe an, die vom Tourmalet kommen.

Wir werden alle sehr freundlich empfangen obwohl alle nass und dreckig sind und die Räder dürfen in eine Garage des Hotels. Das Zimmer ist sehr angenehm und ich kann alles zum trocknen aufhängen. Mal sehen ob das Soleil im Hotelnamen für morgen die gleiche Wirkung hat, wie Eaux-Bonnes für heute.

Während ich mich in meinem Zimmer wieder aufwärme und alles zum trocknen aufhänge und dann beginne diesen Beitrag zu schreiben, hört es doch tatsächlich auf zu regnen. Höchst erfreut mache ich mich noch zu einem Spaziergang durch den wirklich netten Ort auf und kann noch ein paar optimistisch stimmende Bilder nachlegen. Auf dem Bild unten ist in der Mitte das Hotel zu sehen.

In der Annahme, dass ich nicht mehr rauskomme, habe ich mich im Hotel zum Abendessen angemeldet. Das ist zwar nicht mit Larrau vergleichbar aber für 17€ ist es ein solides 3 Gänge Menü.